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Ich und Du

Auf einer langen Zugfahrt von Venedig nach Linz haben Veronika und Harald über „Ich und Du“ gesprochen.  (Das Gespräch wurde in leicht gekürzter Form auch im Magazin WEGE Okt. 2017 veröffentlicht)

Harald: Warum ich und du? Warum nicht Du und dieser Mann da drüben?

Veronika: Weil er mich nicht anzieht. Er wirkt nicht wie ein König auf mich. Aber warte mal, ich schau im anderen Waggon. (Veronika steht auf und geht durch den Zug.) Wieder zurück:

Und?

Nein, niemand. Die Anziehung muss zuerst da sein. Gut gefällt mir die Idee aus dem Tantrismus, dass es neben meiner inneren Frau auch einen inneren Mann in mir gibt. Und das Bild des inneren Mannes zieht im Aussen einen Mann an, der dem entspricht! Hab ich ausprobiert, stimmt: du schaust aus wie mein innerer Mann und verhältst dich so! Deshalb sind wir zwei zusammen. Schau ich auch aus wie deine innere Frau?

Das probier ich auch aus und sag’s dir später. Und das war’s? Deshalb sind ich und du ein Liebespaar und nicht jemand anderer?

Bei uns kommt noch dazu, dass ich dich ganz stark als Seelenpartner spüre. Ein Mensch, der mich sehr tief berührt und bewegt. Und dann ist noch die Erfahrung unserer bisherigen Liebe, dass mit dir meine persönliche und die gemeinsame Weiterentwicklung ermöglicht und unterstützt wird!

Ja, aber das ist ja auch das Anstrengende! Daran zerbrechen doch viele Beziehungen! Ich kenne Männer, die in einer Beziehung endlich mal die Mutterliebe spüren wollen, die ihnen abgegangen ist. Und die Frau sagt dann: „Klasse, das mache ich für dich. Ich brauche das eh so, jemanden zu bemuttern.“ Gute Sache. Passt. Man sagt dann: „Wir ergänzen uns.“ Dafür ist natürlich ein Preis zu zahlen. Das wird implizit und unbewusst vertraglich festgehalten. Gut, ich versorge und bemuttere dich, aber dafür darf ich dir auch sagen, wo’s lang geht.

Die Frau sucht in ihrem Mann den Vater, der Mann heiratet seine Mutter. Das kommt oft vor. Das liegt wohl daran, dass mein Bedürfnis als Mädchen oder Junge, in Liebe wahrgenommen zu werden, nicht erfüllt wurde. Dann wird das halt weitergetragen, bis es endlich erfüllt ist. Wenn ich mich aber als Mädchen vom Papa gesehen fühle, reagiere ich als Erwachsene anders.

Es werden in Partnerschaften unendlich viele Psychospiele gespielt und sie sind alle eine Falle. Ich erwarte vom anderen etwas, was nicht klar ausgesprochen wird, weil es mir selbst nicht bewusst ist, und der andere kann daher daran nur scheitern.

Klar, aber es ist auch eine Möglichkeit. Ich hatte ja mit dir keine Möglichkeit, ein Liebespaar zu sein, weil du in einer anderen Beziehung warst, wie ich dich kennengelernt habe. Ich bin also mit allem, was mich an dir so begeistert und fasziniert hat, zurückgeprallt auf mich selber, weil du es mir nicht geben konntest. Ich musste mich mit all dem, was ich von dir wollte, in mir und mit mir auseinander setzen. Das war eine Lehrzeit.

Aber dazu muss man sein eigenes Ich erkennen wollen. Man kann ja jederzeit auch angefressen sein und sagen: du tust nicht so, wie ich will!

Dann beendet man die Beziehung. Das haben wir ja probiert. Hat nicht geklappt. Wir sind immer wieder zusammengekommen. Und heute erkenne ich: das ist Weiterentwicklung, wie ich sie mir im Grunde gewünscht habe! Bei Ich und Du ist die Frage, wie ist es möglich so lebendig und erfüllend wie möglich durchs Leben zu gehen. Am besten mit jemandem, wo ich eine Seelenverbindung spüre.

Gemeinhin sagt man ja, man muss sich zuerst einmal selbst lieben.

Sich selber lieben heißt selber lebendig sein können und niemand anderen dafür brauchen. Dazu gehört auch: Mein Pinkerl, das ich mithabe, erkennen können. Jeder hat ja bekanntlich sein Pinkerl.

Das Schöne an der Partnerschaft ist die Verschmelzung. Aber es gibt auch die Neigung zur Selbstaufgabe. Also ich will jemand anderem mein Pinkerl geben. Da hast du, mach was damit, versorg das für mich.

Die Selbstaufgabe innerhalb der Verschmelzung – das ist der bezaubernde Teil von Ich und Du. Die Hingabe und das Aufgeben kann intensiver passieren, wenn das Gegenteil auch intensiver da ist – die Selbstwahrnehmung. Je sicherer ich mir meiner selbst bin, desto mehr kann ich mich ins Ungewisse hinein begeben.

Hingabe gibt es vielleicht überhaupt nur unter den Bedingungen der Rückgabe. Ich gebe mich hin und kann mich auch wieder zurücknehmen. Ich kann dann irgendwann wieder ich selbst sein. Wenn ich mich aber hingebe und hoffe, dass ein für alle Mal jemand anderer für mein Wohl zuständig ist, habe ich mich nicht hingegeben sondern aufgegeben.

Wenn ich mich selbst nicht gut spüren kann, erwarte ich, dass der andere das für mich erfüllt. Also brauche ich den anderen. Benutze ihn, um mich ganz zu spüren. Das ist nicht lebendig.

Es gibt wache Menschen, die realisieren ganz klar, dass der Partner ihnen etwas spiegelt, dass es etwas zu lernen gibt – aber sie lernen es nicht. Sie haben die vierte, fünfte Partnerschaft und lamentieren: schon wieder am selben Punkt. Es gibt einen Willen und ein Erkennen, aber kein Weiterkommen.

Das ist der Punkt, wo man sich Werkzeuge holen muss  Da muss man sich mit Liebeskultur beschäftigen, sich mit anderen Paaren austauschen. Es braucht Werkzeuge, die über Tantra hinausgehen. Da geht es um Intimität und Kommunikation und um körperliche Begegnung.

Und genau dafür haben wir in unserer Kultur kein mythologisches Vorbild. Wir haben Romeo und Julia, Drama und Tod im kollektiven Bewusstsein.

Diese feine stille Liebe, nach der sich jeder sehnt, ist schwieriger zu kommunizieren als die großen Dramen. Diese ganz leisen Gefühle, die glückselig machen, sind im Theater nicht so gut darstellbar.

Ein spannender Aspekt beim Ich und Du ist ja, dass es beim Ich und Du nicht bleibt. Es baut sich ja sofort „das Dritte“ auf. Es entsteht etwas Größeres, ein Beziehungswesen. Wenn du mit einem anderen Mann zusammen wärst, gäbe es auch ein Beziehungswesen, aber mit einer ganz anderen Identität. Es ist eine Meta-Identität …

Ein Feld.

Ja, ein Feld, das durch uns bestimmt und genährt wird, aber mehr ist als wir beide gemeinsam. Es ist ein Kulturraum.

Das Ich und Du sind nicht die stärkste Kraft. Die stärkste Kraft in der Beziehung ist das, was zwischen mir und dir wirkt. Die Beziehung eben. Das Beziehungswesen gibt uns die Kraft zur Entwicklung. Aber wer nährt es?

Na ja, ich und du nähren das Beziehungswesen. Wir füttern es. Mit was auch immer. Kann auch Junk Food sein.

Ja, es gibt auch Beziehungswesen, die sind abgemagert und fast verhungert. Ich sehe das oft als Lebens- oder Liebesbaum und manche sind nur tote Gerippe. Und dennoch können die beiden noch Sex haben, verheiratet sein. Dann gibt’s andere, das sind richtige Paradiesbäume. Wenn man einem Paar begegnet, das eine wache, lebendige Beziehung miteinander hat, spürt man das. Das Beziehungswesen strahlt aus. Wenn ich genährt bin und du genährt bist und wir schaffen ein Beziehungswesen, dann wird das prachtvoll werden können. Wie anders, wenn ich von Haus aus unterernährt bin und ich begegne einem anderen Unterernährten und wir sollen dann ein Beziehungswesen füttern. Ja, womit denn?

Sich auf eine gemeinsame Sache fokussieren, nährt ein Beziehungswesen. Die gemeinsame Liebesbeziehung, ein Kind, ein soziales Engagement, ein Beitrag in der Welt, …

Und das geht zwischen dir und mir sehr gut. Deshalb sind wir ich und du und nicht in einer anderen Beziehung.

Siehst du den Mann dort hinten, der grade einsteigt? Der bringt etwas in mir zum Schwingen, da spür ich leise Anziehung.

Der junge, schlacksige Typ mit den dunklen Haaren? Erinnert mich an mich aus jungen Jahren!

Ich räum mal die Taschen vom Sitz, da ist noch Platz.

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